Die Theorie vom „dreieinigen Gehirn“ ist falsch

Die Theorie vom „dreieinigen Gehirn“ ist falsch

Die Theorie vom „dreieinigen Gehirn“ ist falsch

Menschen haben kein Reptiliengehirn und kein limbisches System

Warum die Geschichte vom Reptilienhirn falsch ist

Die Geschichte klingt gut, ist aber falsch. Sie geht so: Das menschliche Gehirn besteht aus drei evolutionär nacheinander entstandenen Schichten mit unterschiedlichen Funktionen. Zuunterst das „Reptilienhirn“, das für Instinkte zuständig ist. Darüber das „limbische System“, das für Emotionen verantwortlich ist. Und oben die neueste Schicht, der Neocortex als Teil der Großhirnrinde, der unser rationales Denken möglich macht.

Primitive Triebe, Gefühle und die Vernunft kämpfen in dieser Ordnung ihre Sichtweisen aus.

Diese Geschichte passt irgendwie ganz gut zu vielen Alltagserfahrungen. Sie erklärt scheinbar, warum wir manchmal impulsiv handeln, wütend werden, zu viel essen, uns ablenken lassen oder später bereuen, was wir getan haben.

Ausgedacht hat sich die Story der Arzt Paul MacLean 1949. Populär wurde sie durch den Astronomen Carl Sagan, der die Idee 1977 in seinem Bestseller „The Dragons of Eden“ veröffentlichte. Doch dass sich die Erzählung sich seither hält, macht sie nicht richtig.

Denn weder beschreibt sie korrekt, wie Gehirne entstanden sind, noch erklärt sie menschliches Verhalten wirklich stimmig.

Joseph Cesario, Professor für Psychologie an der Michigan State University, und Kollegen bringen die Kritik an der Story in ihrem Aufsatz „Your Brain Is Not an Onion With a Tiny Reptile Inside“ auf den Punkt: Die Vorstellung, im Laufe der Wirbeltier-Evolution seien immer neue Hirnschichten über alte gelegt worden, widerspricht dem bestehenden Konsens der  Neurobiologie.

Wie aber funktioniert unser Gehirn dann?

Warum die alte Theorie wissenschaftlich nicht haltbar ist

Abgesehen von einer fehlerhaften Deutung der klassischen Evolutionstheorie und Nichtbeachtung jüngerer Erkenntnisse zu dieser, ist die Behauptung falsch, neue Hirnstrukturen seien einfach über alte gelegt worden. Viele Hirnregionen verschiedener Wirbeltiere sind evolutionär miteinander verwandt, auch wenn sie unterschiedlich aussehen oder unterschiedlich organisiert sind. Zudem ist der menschliche Kortex keine humane Besonderheit. Auch andere Säugetiere besitzen einen solchen.

Unzutreffend ist auch die Funktionszuordnung. Emotionen sitzen nicht einfach im „limbischen System“, Vernunft nicht einfach im Neokortex. Vielmehr sind Emotion, Wahrnehmung, Kognition, Motivation und Handlung miteinander verschaltete Prozesse in komplexen Netzwerken. Das Gehirn selbst ist ein hochkomplexes Netzwerk, das mit anderen Netzwerken Verbindungen in alle Körperbereiche unterhält.

Aktuelle Sicht auf das Gehirn

Die moderne Hirnforschung hat das alte Bild des Gehirns nicht nur widerlegt, sie liefert auch eine neue Beschreibung, die viele Beobachtungen, die früher nicht erklärbar waren, plausibel darlegt.

Entscheidend vorangetrieben und populär gemacht wurden die jüngeren Erkenntnisse durch die Amerikanische Forscherin Lisa Feldman Barrett. Sie beschreibt das Gehirn als ein hochkomplexes Organ, das eingesperrt im Schädel, keinen unmittelbaren Kontakt zur Welt hat, sondern auf elektrische Signale der Sinnesorgange sowie aus dem restlichen Körper (also Organe, Muskeln, Drüsen u.v.m.) angewiesen ist. In ihren Büchern „Wie Gefühle entstehen: Eine neue Sicht auf unsere Emotionen“ und „Siebeneinhalb Lektionen über das Gehirn“ erläutert sie auch für Laien verständlich, wie die grauen Zellen einen Körper durch die Welt steuern.

Das Gehirn wartet nicht passiv auf Reize und entscheidet dann, ob der Instinkt, die Emotion oder die Vernunft reagieren darf. Es arbeitet vorausschauend. Es nutzt vergangene Erfahrungen, aktuelle Körperzustände und situative Hinweise, um vorherzusagen, was als Nächstes wichtig sein könnte. Auf dieser Grundlage reguliert es den Körper, lenkt Aufmerksamkeit, bereitet Handlungen vor und konstruiert Bedeutung.

Emotionen sind in dieser Betrachtung keine fertigen Programme aus einem alten Emotionszentrum. Barretts Theorie der konstruierten Emotion beschreibt Emotionen stattdessen als Ergebnisse eines aktiven, vorhersagenden Gehirns, das Körperzustände, Situation, Erfahrung und gelernte Kategorien zusammenführt.

Das ist sachlich nüchterner als die alte Kampfgeschichte. Aber es liefert bessere Erklärungen. Ein Mensch handelt nicht impulsiv, weil ein Reptilienhirn die Macht übernommen hat. Er handelt, weil sein Gehirn in einer gegebenen Situation eine bestimmte Bedeutung konstruiert, den Körperzustand entsprechend reguliert und passende Handlungsmöglichkeiten priorisiert.

Wertvolle neue Perspektive

Dieser Perspektivwechsel räumt mit den vermeintlichen inneren Kämpfen zwischen Gefühlen und Vernunft auf und deutet diese als parallele Outputs einer Zukunftsprognose.

Im Denken, Fühlen, Wahrnehmen und Handeln agieren Kopf und Körper nicht getrennt voneinander. Zu jedem Zeitpunkt denken, fühlen, beobachten und handeln wir in einem vernetzten Organismus, der fortlaufend Ressourcen bereitstellt, Risiken einschätzt, Erwartungen bildet und Handlungen vorbereitet.

Vermeintliche Stressreaktionen sind dann beispielsweise den gesamten Körper vorbereitende Maßnahmen: Bestimmte Körperfunktionen werden aktiviert, andere werden gedrosselt und das Gehirn versucht möglichst viele, aber nur relevante Sinneswahrnehmungen herauszufiltern und rechnet verschiedene Szenarien durch.

Was auch immer ein Mensch in einer Situation denkt, fühlt oder tut, ist seine Umsetzung komplexer, überwiegend im Unterbewussten ablaufenden, Prognosen. Wichtig: Es erscheint uns im Nachhinein nur so, als hätten wir reagiert. In Wahrheit erstellt unser Gehirn permanent Prognosen auf der Basis von drei Einflussfaktoren: subjektiven Erfahrungen (welches Verhalten hat sich früher immer wieder als gut herausgestellt), interozeptiven Signalen (wie geht es unserem Körper gerade und wieviel Energie ist verfügbar) sowie aktuellen Sinneswahrnehmungen.

Sowohl unsere Gedanken als auch unsere Gefühle werden im Zuge der Vorhersagen konstruiert. Ich weiss, das klingt neu. Ist es ja auch. Es lohnt sich aber, sich intensiver mit dieser Sicht auseinanderzusetzen (z.B. hier oder hier).

Selbstkontrolle ist nicht der Sieg eines rationalen Kortex über ein primitives Verlangen. Bei Angst triumphiert nicht das Reptiliengehirn (und auch die Amygdala spielt eine allgemeinere Rolle als meist beschrieben). Wut, Trauer, Freude oder Leidenschaft spiegeln nicht vom limbischen System generiert, sondern konstruiertes Ergebnis umfangreicher Wahrscheinlichkeitsberechnungen.

Alle diese von uns Menschen kategorisierten Begriffe sind das Ergebnis einer Kooperation von Vernunft und Gefühlen bzw. von Körper und Geist. Verschiedene Gehirnareale kämpfen nicht miteinander, sie liefern alle ihren Input, der bewertet wird und mit Wahrscheinlichkeiten gewichtet zusammen mit Input aus anderen Körperbereichen in die Vorhersagen einfließen.

Diese Denkweise lässt viele Aspekte unseres Lebens in einem völlig neuen Licht erscheinen: Gesundheit, Körperzustände, Nervensystem, Immunsystem, Longevity, Selbstwirksamkeit, Bewegung, Ernährung und Stoffwechsel, Sprache bzw. Kommunikation, Ökonomie, Soziologie, Beziehungen u.v.m. Auf alle diese Punkte und viele mehr gehe ich noch ein.

Warum sich die falsche Theorie trotzdem hält

Die Triune-Brain-Theorie hält sich so hartnäckig, weil sie eine einfache, aber fesselnde Geschichte erzählt. Drei Gehirne, drei Funktionen, drei Ebenen. Das lässt sich in einem Vortrag, einem Lehrbuch, einem Coaching oder einem Social-Media-Post leicht vermitteln. Die moderne Sicht auf Gehirnevolution, Vorhersage, Körperregulation und Netzwerke ist anspruchsvoller.

Die alte Sicht passt außerdem zu einer seit 2500 Jahren überlieferten, kulturellen Erzählung. Schon Platon beschrieb den Menschen als inneren Konflikt zwischen Begehren, Gefühl und Vernunft. Später taucht diese Logik in religiösen, moralischen und psychologischen Theorien wieder auf: Der Mensch muss seine niederen Anteile beherrschen, um vernünftig oder gut zu handeln. Die Triune-Brain-Theorie gab dieser alten Moralgeschichte einen scheinbar biologischen Anstrich.

Die Geschichte entlastet auch. Wenn ich sagen kann, mein Reptilienhirn habe mich überwältigt, klingt mein Verhalten weniger nach Verantwortung und mehr nach biologischem Automatismus. Wenn ich anderen Menschen irrationales Verhalten zuschreibe, kann ich es bequem auf deren primitives Gehirn schieben.

Und sie ist wirtschaftlich nützlich. Marketing, Führung, Coaching und Selbstoptimierung lieben einfache Modelle. „Sprich das Reptilienhirn deiner Kunden an“ klingt verkäuflicher als: „Menschen treffen Entscheidungen in einem vorhersagenden, körperregulierenden, sozial geprägten Netzwerkprozess.“ Auf einfachen Botschaften lassen sich reichweitenstarke Geschäftsmodelle leichter begründen als auf komplizierten, wissenschaftlichen Forschungsergebnissen.

Dass eine Theorie populär ist, sagt aber nichts über ihre Richtigkeit aus. Ebensowenig die Tatsache, dass sie sich lange hält. Das ist kein Beleg für Korrektheit, sondern allenfalls ein Indiz für die Veränderungsaversität von Menschen.

Welchen Nutzen die neue Sicht bringt

Die neue Sicht bringt jedoch vier große Vorteile.

1. Sie ist wissenschaftlich besser begründet. Sie passt besser zur modernen Evolutionsbiologie, zur vergleichenden Neurobiologie, zur Komplexitätsforschung und zu Barretts Arbeiten über Vorhersage, Interozeption und konstruierte Emotion. Auf soliderem Fundament lassen sich stabilere Konstrukte bauen.

2. Sie beendet falsche Gegensätze. Emotion ist nicht der Feind der Vernunft. Der Körper ist nicht der Feind des Denkens. Stress ist nicht irrational. Ein unangenehmes Gefühl ist nicht ein Fehler. Entscheidend ist einzig, ob die Körperanpassung zur Situation passt, welche Kosten sie verursacht und ob sie hilfreich ist.

3. Sie macht Veränderung praktikabler. Wenn Verhalten nicht aus einem Kampf gegen ein primitives Gehirn entsteht, müssen Menschen nicht gegen innere, vermeintlich unumstössliche Instanzen ankämpfen. Dann geht es darum, geeignete Bedingungen für bessere Vorhersagen zu schaffen: durch Schlaf, Bewegung, Ernährung, soziale Sicherheit, verlässliche Routinen, differenzierte Sprache, neue Erfahrungen und konkrete Handlungsmöglichkeiten. Für jeden Einzelnen birgt das ein riesiges Potenzial, im Leben mit unterschiedlichen Situationen besser zurecht zu kommen.

4. Sie passt perfekt zum Konzept menschlicher Energie. Ein Gehirn reguliert keinen abstrakten Geist, sondern einen lebendigen Körper mit begrenzten Ressourcen. Er muss Energie verteilen, schützen, investieren und wieder auffüllen. Was wir als Motivation, Erschöpfung, Stress, Klarheit, Reizbarkeit oder Selbstkontrolle erleben, ist eng mit dieser laufenden Regulation verbunden. Und wieder: Wer sein System versteht, kann es leichter regulieren – und zwar kurz- und langfristig!

Die wichtigste Konsequenz

Die alte Theorie sagt: Der Mensch muss mit dem vernünftigen Teil seines Gehirns ein primitives Überbleibsel seines Gehirns kontrollieren.

Die neue Überzeugung sagt: Der Mensch versteht sich besser und agiert wirksamer, wenn er sich als ein ganzheitliches, hochgradig vernetztes Körper-Geist-System begreift, in dem ein Organ im Kopf den gesamten Menschen bestmöglich durch die Welt steuert.

Wir tragen kein reptiloides Überbleibsel im Kopf. Wir besitzen kein separates Emotionsgehirn. Und wir werden nicht dadurch menschlich, dass ein rationaler Kortex unsere tierischen Anteile niederhält.

Diese Geschichte ist vielleicht weniger dramatisch, aber sie ist schlicht richtiger.

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