Das menschliche Energie-Paradox
Das menschliche Energie-Paradox
Müde trotz viel Energie
Viele Übergewichtige erleben ein frustrierendes Paradox: Sie haben viel Energie – schließlich ist Körperfett ein riesiger Energiespeicher – und fühlen sich trotzdem oft müde, antriebslos oder wie ausgelaugt.
Dieses menschliche Energie-Paradox ist nicht nur ein Gefühl, sondern lässt sich auch in Daten wiederfinden.*
Der Schlüssel zum Verständnis liegt in einem einfachen Unterschied: vorhandene Energie ist nicht dasselbe wie verfügbare Energie.
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Stell dir vor, dein Auto hat einen vollen Tank oder eine volle Batterie. Rein vom Vorrat her könntest du problemlos 500 Kilometer fahren. Aber die Motorsteuerung spinnt, Sensoren piepsen, Warnsymbole leuchten – und der Wagen ruckelt und reagiert kaum, wenn du das Gaspedal durchdrückst.
Genau so kann es beim Menschen sein: Energie ist vorhanden, aber der Organismus kommt nicht auf Touren, weil die Energie in den Zellen von Herz, Verdauung und Muskeln nicht in ausreichender Menge ankommt oder dort nicht effizient verwertet werden kann.
Mit ausreichend Schlaf, wenig Stress, kaum Entzündungen, richtig dosierten Hormonen und generell einem gut funktionierenden Stoffwechsel springt der menschliche Motor morgens schnurrend an, läuft rund und spricht dynamisch auf spontane Anforderungen an.
Ist man dagegen unausgeschlafen, hat Stress, wird von Entzündungen und Schmerzen geplagt, dann stottern die internen Prozessen und man kommt nicht in Fahrt.
Die Forschung diskutiert genau solche Zusammenhänge: Ein höherer BMI und Marker chronischer Low-grade-Entzündungen werden mit Erschöpfbarkeit in Verbindung gebracht. In Fragebögen zur Lebensqualität ist die Dimension „Vitalität“ (Energie/Fatigue) bei schwerer Adipositas besonders relevant.
Was heißt das praktisch?
Wenn jemand mehr verfügbare Energie möchte, ist „mehr Disziplin“ selten die beste Antwort. Viel wirksamer ist es, das System energiesparender zu machen und den Zugriff auf Energie zu stabilisieren.
Der erste große Hebel ist die Ernährung, weil sie mit jeder Mahlzeit ins Energiegefühl eingreift. Wenn man nicht gerade ein langes Training oder einen Wettkampf absolviert (Training kann auch eine halbtägige Wanderung sein), wertschätzt der Körper die regelmäßige Energiezufuhr durch drei Hauptmahlzeiten. Wenig schnelle Kohlenhydrate und ballaststoffreiches Essen stabilisieren die Sättigung und reduzieren die typische Achterbahn des Blutzuckerspiegels. Snacks oder abendliches Naschen auf dem Sofa liefern zwar Energie (die gar nicht benötigt wird), stören aber den Stoffwechsel.
Der zweite Hebel ist Bewegung. Sie wirkt wie ein Zündfunke: Häufige Aktivität im Tagesverlauf erhöht die Fähigkeit, Energie zu nutzen, und machen den Alltag oft spürbar leichter. Wer seinen Stoffwechsel „ankurbeln“ möchte, tut das am besten durch Bewegung! Denn was regelmäßig genutzt wird, wird bei der Energiebedarfsrechnung (die das Gehirn zu jedem Moment durchführt) im Budget berücksichtigt. Spaziergänge plus etwas Krafttraining reichen zur Aktivierung in der Regel. Wer einen Schreibtischjob hat, sollte regelmäßig herumgehen und sich strecken.
Der dritte Hebel ist Stressmanagement, weil Stress im Körper Energie bindet, die an anderer Stelle fehlt. In Stressituationen fährt der Körper Verdauungsprozesse ebenso herunter wie z.B. die Libido, budgetiert aber viel Energie für ineffiziente Prozesse wie erhöhte Alarmbereitschaft, erhöhter Puls, defokussierte Aufmerksamkeit u.v.m. Da das Gehirn mit wertvoller Energie haushaltet, wird an anderer Stelle gespart.
Gespeicherte Fettreserven änderen daran gar nichts, weil die Energiebudgetierung durch das Gehirn tief in unseren Genen verankert ist. Der Umgang mit Stress fühlt sich daher gar nicht nach Bäumeausreisen an, sondern nach Schlappheit und Gereiztheit.
Blöderweise sucht das Gehirn in Stresssituation nach schnell verfügbarer Energie, um kurzfristig Entlastung des Systems zu bewirken. Die Notfall-Maßnahmen der grauen Zellen kennt jeder: Snacks, Rückzug oder Schlaf, der nicht erholt.
Der vierte Hebel ist Schlaf. Wenn der kurz oder unruhig ist, wird Appetitregulation schwieriger, Tagesschläfrigkeit wahrscheinlicher und der ganze Tag fühlt sich an wie „gegen den Strom schwimmen“. Schlaf und Entspannung sind für den Körper bei der Budgetierung von Energie von allergrößter Wichtigkeit.
Vereinfacht kann man sagen: Nicht der Fettvorrat entscheidet, wie viel Energie du hast – sondern wie teuer dein Alltag energiemäßig für deinen Körper ist und wie gut dein Körper Energie im richtigen Moment bereitstellen kann.
Deshalb können kleine, konsequente Änderungen – weniger Trigger-Snacks, regelmäßige ausgewogene Mahlzeiten, mehrfache tägliche Bewegung, eine feste Schlafroutine und kurze Stress-Runterregler – meist viel mehr bewirken als radikale Diäten.
Wenn starke Tagesschläfrigkeit, lautes Schnarchen oder „nicht erholsamer Schlaf“ über mehrere Wochen anhalten und tatsächliche Veränderungen von Schlaf- und Verhaltensmustern nichts ändern, ist es sinnvoll, Schlafstörungen medizinisch abklären zu lassen.
*) Beispielsweise wurde in einer Studie bei Menschen mit Adipositas berichteten 59,1% von Fatigue. Dazu kommt: Bei Adipositas treten häufiger kurzer Schlaf und Tagesschläfrigkeit auf, was Energie, Aktivität und Essverhalten zusätzlich beeinflussen kann.


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