Wie Energie im Menschen fließt
Wie Energie im Menschen fließt
Ohne ihn durchfließende Energie ist der Mensch tot.
Ohne Energie läuft beim Menschen nichts!
Viele der Gedanken in diesem Beitrag beruhen zu einem großen Teil auf der Forschung von Dr. Martin Picard und seinem Umfeld. Seine Forschungsarbeiten zu Mitochondrien, Stress, Energieumwandlung und organismischer Regulation liefern sehr spannende Erkenntnisse, die den Menschen nicht (nur) als riesigen „Zellhaufen“, sondern als Ganzes und bis in die kleinste Zelle hinein als Energie durchflutetes Wesen beschreiben.
Das so entstehende Menschenbild ist neu. Der Mensch erscheint darin nicht bloß als Körper mit Knochen, Gewebe, Organen, Blut, Hormonen und Genen, sondern als hochkomplexes Energiesystem, in dem Energie fortlaufend aufgenommen, umgewandelt, verteilt, priorisiert und für Wahrnehmung, Denken, Fühlen, Bewegung, Heilung und Anpassung genutzt wird.
Wie Energie in den Menschen hineinkommt, ihn durchfließt und verwendet wird, ist eine höchst spannende Angelegenheit. Mit Esoterik hat das nichts zu tun. Die Wissenschaft kann den Energiefluss im Menschen schon sehr genau beschreiben. Hier eine Zusammenfassung in 12 Schritten.
1. Keine Esoterik
Wenn bei Vibono von Energie die Rede ist, dann ist damit keine Aura, keine geheimnisvolle Lebenskraft oder ähnliches gemeint. Wir betrachten biophysikalische und biochemische Prozesse, in denen messbare Energie eine Rolle spielt. Mal schwirren Elektronen oder Protonen, mal liegen Spannungspotentiale an Membranen und mal werden werden Signale mittels kleinster Impulse übermittelt.
Zur Beobachtung und Messung solcher Energiephänomene verwenden Forscher hochsensible Apparaturen, von denen Elektronenrastermikroskope oder Magnetresonanztomografen vielleicht noch allgemein bekannt sind.
Das Faszinierende ist, dass Blicke in die kleinsten Strukturen des menschlichen Körpers Erkenntnisse zu Tage fördern, die das Verständnis für große Zusammenhänge fundamental verändern.
2. Leben ist kein Zustand, sondern ein fortlaufender Energiefluss
Stirbt ein Mensch besteht ein Mensch quasi aus den gleichen Molekülen, wie kurz zuvor als er noch am Leben war. Eine Sache macht jedoch einen fundamentalen Unterschied. Ein lebender und erst recht ein lebendiger Mensch ist permanent von Energie durchflossen. In einem toten Menschen fließt keine Energie mehr.
Solange Energie durch Zellen, Gewebe, Organe und das Gehirn strömt, können chemische Reaktionen ablaufen, Membranen stabil bleiben, Signale übertragen, Muskeln bewegt, Hormone gebildet, Gedanken gedacht und Gefühle erlebt werden. Stoppt dieser Energiefluss, kommt alles im Körper zum Stillstand, so wie eine Maschine, wenn der Stecker gezogen wird.
Leben ist niemals ein statischer Zustand. Es ist ein ununterbrochener Prozess der Energieaufnahme, Energieumwandlung, Energieverteilung und Energieverbrauch.
3. Woher die Energie kommt
Wenn wir von Energie im Menschen sprechen, denken viele zuerst an ATP oder an die Mitochondrien. Das ist verständlich, aber der Prozess beginnt früher.
Die Energie, die unser Gehirn denken und träumen lässt, die uns dank unserer Muskeln durch die Welt gehen lässt und die unseren Organismus Schäden reparieren lässt, stammt von der Sonne.
Pflanzen wandeln Sonnenenergie mittels Photosynthese um und speichert sie in ihren Halmen, Körnern, Früchten und so weiter. Wir nehmen diese Energie auf, weil wir Planzen essen oder Tiere (bzw. tierische Produkte), die Pflanzen gegessen haben.
Parallel atmen wir Sauerstoff ein, den u.a. die Pflanzen im Rahmen der Photosynthese ausgeschieden haben. Über die Lunge gelangt er in unsere Blutbahn. Die Nahrung wird als Teil des Stoffwechsels aufgespalten und weiterverarbeitet und gelangt ebenfalls über das Blut bis in die Zellen. In jeder Zelle gibt es mal Dutzende, mal Tausende Mitochondrien.
Die winzigen Zellkraftwerke wandeln die Rohenergie mit Hilfe von Sauerstoff in ATP um, den universellen Energieträger des Körpers. Das „Umwandeln“ ist fürs Verständnis wichtig.
An dieser Stelle stellt sich eine naheliegende Frage: Hängen Geschwindigkeit, Verlässlichkeit und „Wirkungsgrad“ der Energieumwandlung von der Fitness und Gesundheit der Mitochondrien ab?
Im Kern: ja. Der Begriff „Wirkungsgrad“ ist eine gute Metapher für den Vergleich mit Motoren, die ja ebenfalls Energie umwandeln. (Elektromotoren mit hohem Wirkungsgrad, Verbrennungsmotoren mit viel niedriger Effizienz). Bei Menschen und Tieren sprechen wir allerdings besser von der Qualität der Energieumwandlung und der bioenergetischen Leistungsfähigkeit.
Denn es geht nicht nur darum, wie effizient Mitochondrien ATP bilden. Es geht auch darum,
- wie gut sie mit Sauerstoff und Nährstoffen versorgt werden,
- wie gut die Perfusion ist (also die Durchblutung eines Gewebes),
- wie flexibel sie auf wechselnde Anforderungen reagieren,
- wie stark sie durch Entzündung, oxidativen Stress oder Hormonverschiebungen belastet sind,
- und wie viel Energie eine Zelle überhaupt aufbringen muss, um ihre Grundfunktionen aufrechtzuerhalten.
Sehr gut funktionierende und versorgte Mitochondrien sorgen deshalb meist nicht einfach mechanisch für „mehr Energie“, sondern dafür, dass Energie robuster, flexibler und mit weniger Reibungsverlusten bereitgestellt werden kann.
Umgekehrt können gestörte oder schlecht versorgte Mitochondrien dazu führen, dass Zellen mehr Aufwand treiben müssen, um Basales aufrechtzuerhalten. Dann bleibt weniger energetische Reserve für Belastbarkeit, Regeneration, Anpassung und Leistung.
4. Energiefluss bedeutet mehr als ATP
ATP ist wichtig. Aber ATP allein beschreibt bei weitem noch nicht den gesamten Energiefluss im Körper.
Wenn man genauer hinschaut, läuft dieser Energiefluss auf mehreren Ebenen gleichzeitig ab. Dazu gehören unter anderem:
- der Elektronenfluss in der Atmungskette
In den Mitochondrien werden energiereiche Elektronen aus Nährstoffen schrittweise durch die Atmungskette weitergereicht. Dabei wird die in ihnen gespeicherte chemische Energie genutzt, um weitere Prozesse anzutreiben. - der Protonengradient
Die Atmungskette nutzt diese Energie, um Protonen über die innere Mitochondrienmembran zu transportieren. Dadurch entsteht ein Unterschied in Konzentration und elektrischer Ladung zwischen beiden Seiten der Membran. Genau dieser Gradient ist eine zentrale energetische Zwischenspeicherform der Zelle. - das Membranpotenzial
Aus dieser ungleichen Verteilung geladener Teilchen entsteht eine elektrische Spannung über der Membran. Dieses Membranpotenzial ist gewissermaßen ein aufgeladenes System, aus dem sich Energie für weitere Zellprozesse gewinnen lässt. - Wärme
Bei der Umwandlung von „Nahrungsenergie“ in ATP entsteht Wärme. Das ist natürlich kein Energieverlust, sondern trägt zur Aufrechterhaltung der Körpertemperatur bei und ist damit ein biologisch wichtig Teil des Prozesses für den Organismus. - Ionenströme
Im Körper strömen geladene Teilchen wie Natrium, Kalium, Kalzium oder Chlorid ständig über Zellmembranen hin und her. Solche Ionenbewegungen brauchen oft Energie, etwa wenn Konzentrationsunterschiede aktiv aufgebaut oder aufrechterhalten werden. Umgekehrt können vorhandene Ionengradienten wiederum genutzt werden, um Signale weiterzuleiten oder Stoffe zu transportieren. Besonders im Nervensystem und in Muskeln sind solche Ionenströme zentral. - der Blutfluss
Blut transportiert nicht selbst Energie im physikalischen Sinn wie ein Stromkabel, aber es bringt die energetisch entscheidenden Voraussetzungen dorthin, wo sie gebraucht werden: Sauerstoff aus der Lunge, Glukose, Fettsäuren, Aminosäuren und andere Substrate aus dem Darm oder aus Speichern in Leber und Fettgewebe. Der Blutfluss verteilt diese Stoffe also von ihren Aufnahme-, Speicher- oder Freisetzungsorten zu den Organen und Geweben, die daraus Energie gewinnen oder aufbauen müssen. - der Transport von Sauerstoff und Nährstoffen in die Gewebe
Entscheidend ist nicht nur, dass Sauerstoff und Nährstoffe im Blut vorhanden sind, sondern dass sie auch tatsächlich in ausreichender Menge im jeweiligen Gewebe ankommen. Erst dort können Zellen und Mitochondrien sie aufnehmen und zur Energieumwandlung nutzen.
Energie ist im Organismus kein Stoff, der irgendwo „liegt“, sondern ein unablässig laufender physikalischer und biologischer Vorgang. Gerade weil dieser Energiefluss komplex ist, leuchtet ein, dass vieles zusammenpassen muss, dass er gut funktioniert.
Anders herum überrascht mit diesem Verständnis nicht mehr so sehr, dass sich ein Mensch energielos fühlen kann, obwohl er eigentlich genug gegessen hat. Entscheidend ist nicht nämlich nicht nur, wie viel Energie grundsätzlich vorhanden ist, sondern ob sie am richtigen Ort, in der richtigen Form und zum richtigen Zeitpunkt zur Verfügung steht.
5. Energiefluss ist zugleich Informationsfluss
Energie verrichtet im Körper nicht nur Arbeit, sie übermittelt auch Information.
Gehirn und alle Bereiche des Körpers kommunizieren permanent miteinander. Der Körper sendet ununterbrochen Signale – oft bereits komprimiert – ans Gehirn, um seinen Zustand sehr differenziert zu übermitteln (Interozeption). Anders herum steuert das Gehirn verschiedene Körperbereiche, um diese auf von ihm prognostizierte Umstände vorzubereiten.
Eine wichtige Rolle spielen dabei Hormone, mit deren Hilfe Stoffwechselvorgänge angepasst werden. Stoffwechselzustände wiederum verändern Aufmerksamkeit, Motivation, Stimmung und Verhalten. All das kostet Energie bzw. geschieht über energetisch getragene Prozesse.
Immer wenn Nervenzellen feuern, wenn Neurotransmitter freigesetzt werden, wenn Hormone synthetisiert werden oder wenn das Gehirn zukünftige Belastungen antizipiert, fließt Energie – und das ist ununterbrochen der Fall.
Energie und Information sind im lebenden Organismus deshalb deutlich enger miteinander verflochten, als uns unser Alltagsdenken suggeriert.
6. Der Energiefluss im Körper ist ein Netzwerkprozess
Der menschliche Körper ist kein System isolierter Einzelteile.
Auch Mitochondrien arbeiten nicht wie lauter voneinander getrennte Mini-Öfen. Sie reagieren auf Hormone, auf Stresssignale, auf die Versorgung mit Nährstoffen und Sauerstoff, auf Entzündungsprozesse und auf die Aktivitäten der Zelle, in der sie sich befinden. Zugleich beeinflussen sie ihrerseits wieder andere Zellbestandteile, Gewebe und Organe.
Gesundheit erscheint aus dieser Sicht als Ergebnis von Kommunikation, Kooperation und Synchronisation. Nicht nur zwischen Organen, sondern vom Gehirn bis hinunter auf die Ebene von Zellen und Organellen.
Für unser neues Menschenbild ist das zentral! Gesundheit ist so betrachtet nicht bloß die Abwesenheit von Defekten, sondern Ausdruck eines ausreichend gut koordinierten Energieflusses durch ein komplexes System.
7. Stress ist ein Problem der Energieverteilung
Stress wird meist vor allem psychologisch beschrieben. Das greift zu kurz.
Jede Stressreaktion kostet Energie. Es werden z.B. Hormone wie Adrenalin, Noradrenalin und Cortisol ausgeschüttet, die zunächst gebildet und anschließend im Körper verteilt werden müssen. Weil sich der Organismus auf Kampf oder Flucht vorbereitet, werden Muskeln angespannt und in erhöhte Bereitschaft versetzt. Deswegen werden Glukose und Fettsäuren mobilisiert. Zugleich steigt die Vigilanz, also die Wachheit und Alarmbereitschaft: Das Gehirn beobachtet die Umwelt aufmerksamer, bewertet Reize schneller und richtet die Aufmerksamkeit stärker auf mögliche Gefahren.
Auch das Verhalten verändert sich: Der Körper schaltet auf Anpassung, bremst manches ab und beschleunigt anderes. Und selbst wenn die akute Belastung vorbei ist, ist der Energieaufwand noch nicht beendet. Danach braucht der Körper weitere Energie, um Spannungen wieder zu lösen, verbrauchte Reserven aufzufüllen, entstandene Belastungsschäden zu reparieren und wieder in einen ausgeglicheneren Zustand zurückzufinden.
Gelegentliche Stresssituation sind i.d.R. kein Problem. Problematisch wird es, wenn Stress chronisch wird und der beschriebene Energiezustand über längere Zeiträume anhält. Dann wird aus einer sinnvollen kurzfristigen Energieverschiebung ein belastender Dauerzustand. Der Körper lebt dann gewissermaßen in einem fortgesetzten energetischen Ausnahmezustand.
Stress ist deshalb nicht nur ein Gefühl oder ein mentales Problem, sondern vorrangig ein energetisches Phänomen.
8. Energie muss priorisiert werden
Lebende Systeme besitzen eine endliche Fähigkeit zur Energieumwandlung, deshalb können nicht alle zellulären und physiologischen Systeme gleichzeitig voll aktiviert sein; außerdem können manche Prozesse nicht gleichzeitig ablaufen, etwa aufbauende und abbauende Stoffwechselwege, oder sie konkurrieren miteinander.
Zwar verfügen die meisten Menschen in unseren Breiten über reichlich Fettreserven und können über die Nahrung schnell viel Energie zuführen, doch die Kapazität des Organismus ist begrenzt. Einer der begrenzenden Faktoren sind die Blutbahnen und Blutgefäße. Deren Durchmesser kann nicht nennenswert erhöht werden und dem Blutdruck sind glücklicherweise Grenzen gesetzt.
Gespeicherte Energie erst hormonell freigesetzt, dann über das Blut transportiert, im Zielgewebe aufgenommen und in den Zellen und Mitochondrien weiterverarbeitet werden. Frisch aufgenommene Energie muss verdaut, umgewandelt und verteilt werden. Zudem müssen Sauerstoff und Substrate in die jeweiligen Gewebe gelangen.
Vor diesem Hintergrund ist nachvollziehbar, dass das Gehirn gezwungen ist, Prioritäten zu setzen. Dessen oberstes Ziel ist, das Überleben sicherzustellen. Seine Maßnahmen legt es zudem mit großer energieoptimierender Voraussicht fest. Alle System im Körper immer auf Volllast zu fahren, wäre unter diesen Prämissen Harakiri.
In Belastungssituationen werden daher jene Organe bevorzugt versorgt, die für das unmittelbare Überleben und die akute Handlungsfähigkeit besonders wichtig sind, also vor allem Gehirn, Herz, Leber und Nieren. Andere Prozesse können dagegen zeitweise in den Hintergrund treten. Dazu gehören etwa Verdauung, Fortpflanzung, Wachstum, aufwendige Reparaturvorgänge, Gewebeaufbau oder langfristige Regeneration. Das ist Ausdruck biologischer Klugheit: Wenn die Lage angespannt ist, wird zuerst abgesichert, was jetzt sofort gebraucht wird.
Dasselbe gilt auf zellulärer Ebene. Auch dort kann nicht alles gleichzeitig auf Höchstleistung laufen. Zellen müssen abwägen, welche Funktionen Vorrang haben. Lebenswichtige Basisprozesse – etwa die Aufrechterhaltung von Membranspannungen, grundlegende Stoffwechselvorgänge oder die Sicherung der Zellintegrität – werden eher geschützt als teure Zusatzprogramme. Das hilft, viele Alltagserfahrungen besser zu verstehen.
Menschen können sich in anhaltenden Belastungsphasen gleichzeitig müde, gereizt, infektanfällig, verdauungssensibel und emotional weniger stabil fühlen, weil Körper und Gehirn Prioritäten verschieben und mehr im Modus von Sicherung als im Modus von Entfaltung arbeiten.
9. Subjektives Erleben
Auch unser subjektives Erleben hängt stark von den Energieflüssen im Körper ab. Was wir als Antrieb, Müdigkeit, Erschöpfung, innere Unruhe oder „ich bin heute einfach nicht richtig da“ erleben, ist das Ergebnis millionenfacher Zellsignale und deren Intepretation des Gehirns, das den Zustand des Körpers vorhersagend einschätzt, reguliert und deutet. Man sagt, das das Gehirn betreibt Allostase.
Es schätzt fortlaufend, wie viel Energie gebraucht wird, welche Anforderungen bevorstehen und wie Ressourcen möglichst klug verteilt werden sollten. Dieses Prinzip wird body budgeting genannt, also Körperbudgetierung. Was wir dann bewusst erleben, sind nicht rohe, biochemie Daten, sondern eine gefilterte, verdichtete, subjektive Erfahrung dieses laufenden Regelgeschehens.
Die zwei wesentlichen Perspektiven – einerseits der Blick auf Zellen bzw. Mitochondrien und andererseits die Betrachtung des Gehirns – beleuchten den Energiefluss gesamtheitlich:
- Die zellbiologische Perspektive hilft zu verstehen, wie Energie im Körper bereitgestellt, umgewandelt und verteilt wird.
- Die neurologische Sicht erklärt, wie das Gehirn diesen Zustand in subjektives Erleben, Motivation, Stimmung und Verhalten übersetzt.
Oder einfacher gesagt: Ob wir uns energiegeladen oder erschöpft fühlen, hängt sowohl davon ab, was in unseren Zellen passiert, als auch davon, wie unser Gehirn diesen Zustand einordnet, vorhersagt und in Handlungsimpulse übersetzt.
10. Fehlgeleitete Energie
Wenn für bestimmte Körperfunktionen zu wenig Energie bereit gestellt wird, kann das auch daran liegen, dass Energie – aus rationaler Sicht – fehlgeleitet wird. Wenn man müde, ausgelaugt oder unkonzentriert ist, wird womöglich gerade viel Energie in Alarmbereitschaft, Abwehr oder Szenarienberechnung investiert.
Das passiert beispielsweise beim Grübeln. Wer gedanklich immergleiche Gedankenschleifen durchläuft oder verschiedene Varianten durchspielt, und Probleme festhält, statt sie loszulassen, befeuert energieintensive Stressschleifen und kommt nicht zur Ruhe. Aus energetischer Sicht werden dann Ressourcen z.B. für Aufmerksamkeit und Anspannung allokiert und stehen für andere Aufgaben und Handlungen nur begrenzt zur Verfügung. Hält der Zustand längere Zeit an, geht das zudem zu Lasten wichtiger Erholungsphasen, in denen der Körper weniger Energie verbraucht bzw. diese für Reparaturen benötigt.
Das Gehirn von Personen, die unter Ängsten oder Angststörungen leiden, stellt viel Energie für das interne Alarmsystem bereit, fokussiert die Wahrnehmung auf potentielle Gefahren, reduziert die andere Körperfunktionen, wie z.B. die Verdauung oder stellt sie ganz ein.
Auch wenn das physiologisch sinnvoll ist, lohnt es sich, diese Phänomene durch die Energiebrille zu betrachten. Wieso körperliche Akutmaßnahmen wie bewusste Atmung oder gezielte Berührungen wirken, erklärt sich aus den dadurch veränderten Einflussfaktoren auf die Energieprognosen des Gehirns. Da sowohl bei Ängsten als auch beim Grübeln subjektive Erfahrungen eine zentrale Rolle spielen, stützt die Energiesicht Empfehlungen Erlebnisse durch neu gelernte Erfahrungen zu überschreiben. In weniger gravierenden Fällen, kann das in Eigenregie gelingen, bei erlittenen Traumata mit professioneller Unterstützung.
Auch Depressionen, Long Covid, chronischer Erschöpfung oder Belastungsintoleranz werden in der Forschung zunehmend im Licht von Energieflüssen betrachtet. Es könnte sein, dass Energie nicht mehr günstig mobilisiert, verteilt und nach Belastung wieder eingeordnet wird. Dann gerät der Organismus leichter in einen Modus, in dem Anstrengung, Stress oder selbst kleine Anforderungen unverhältnismäßig viel kosten und die Rückkehr in einen stabilen Zustand nicht mehr (gut) gelingt.
11. Wenn Energie auf Widerstand stößt
Ein neuerer Forschungsansatz ist das Energy Resistance Principle. Dahinter steckt die Idee, dass Energie im Körper nicht widerstandslos fließt, sondern beim Fluss durch biologische Strukturen, Reibung, Begrenzung und Widerstand ausgesetzt ist.
Einerseits ist das notwendig, denn nur so kann Energie überhaupt in Arbeit, Wärme, Reparatur, Immunreaktion oder Wahrnehmung übersetzt werden. Andererseits kann zu viel Widerstand problematisch werden, weil Funktionen eingeschränkt werden. Sie laufen dann – bildlich gesprochen – nicht mehr rund.
Zu solchen Widerständen auf biologischer Ebene gehören:
- Unzureichende Versorgung mit Sauerstoff oder Nährstoffen
- Störungen des Redoxgleichgewichts (des Gleichgewichts von Oxidation und Reduktion)
- schlechte Durchblutung
- Ionenungleichgewichte
- Entzündungen
- hormonelle Dysregulation
Das Modell ist noch jung. Aber es ist ein sehr interessanter Versuch, Müdigkeit, Krankheit und Anpassung nicht nur strukturell, sondern dynamisch zu verstehen.
12. Schlussfolgerungen
Wenn man die beschriebene Sicht auf den Fluss von Energie im Körper ernst nimmt, ist der Mensch kein starrer Apparat, der hin und wieder repariert werden muss, sondern ein hochkomplexer, energetisch organisierter Prozess.
Wenn sich die Perspektive von molekularen Momentaufnahmen hin zu dynamischen Energieflüssen verschiebt, ist Gesundheit Ausdruck gut verfügbarer, verteilter und genutzter Energie. Krankheit oder Erschöpfung wären in diesem Bild häufig nicht bloß ein einzelner Defekt, sondern eine Störung dieser Umwandlung, Verteilung, Priorisierung oder Koordination von Energie.
Dieser Gedanken hilft nicht nur, viele Phänomene neu zu betrachten: Müdigkeit, Stress, Antriebslosigkeit, innere Unruhe, Reizbarkeit, schlechte Regeneration, Konzentrationsprobleme, Beziehungsprobleme auf der einen Seite, Anpassung, Belastbarkeit, Heilung und Lebensfreude auf der anderen.
Das neue Menschenbild kann auch zu einer völlig neuen Priorisierung vieler Aspekte des menschlichen Lebens führen. Naheliegend sind die Qualität von Nahrungsmitteln, die Häufigkeit und Intensität von Bewegung oder die Bedeutung von Schlaf und Erholung. Es betrifft aber auch die Qualität sozialer Beziehungen im engen Sinn (Freudschaften, Familie) und im weiten Sinn (Gesellschaften).
Und es rückt ein Thema in den Fokus, das klassische Teilchensicht weitgehend ignoriert: Die Sinnhaftigkeit des eigenen Tuns, Leidenschaft, Begeisterung und so weiter. Ist es nicht naheliegend, dass Energie viel besser fließt, wenn eine Tätigkeit, Gefühle oder Gedanken positiv oder bedeutsam (englisch: „meaningful“) sind?


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