Wein und Lebensfreude

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Das Leben ist voller Risiken – Eine Einordnung von Alkohol

In der öffentlichen Debatte über Alkohol passiert oft ein gedanklicher Kurzschluss: Die wissenschaftliche Erkenntnis, dass Alkoholkonsum Risiken für Krankheiten und sogar den Tod erhöht, wird in deterministische Gewissenheiten gegossen.

Das ist Unfug!

Die Aussage „Jeder Tropfen Alkohol ist einer zu viel“ ist so falsch oder richtig, wie „Jede Autofahrt ist eine Autofahrt zu viel“ oder „Jede Fertigpizza ist eine Fertigpizza zu viel“ oder „Jeder Tag ohne Training ist ein Tag ohne Training zu viel“.

Natürlich birgt Alkohol trinken ein Risiko. Aber gilt auch für unzählige andere Tätigkeiten. Das ganz Leben ist voller Risiken. Auch Fahrradfahren und Schwimmen birgt Risiken. Und niemand würde das Reisen verbieten, nur weil auf Reisen Gefahren lauern wie Infekte, Diebstahl, Sonnenbrand usw.

Für eine vernünftige Diskussion müsste man deshalb sauber unterscheiden zwischen Risiko und Vorhersage. Ein erhöhtes Risiko bedeutet nicht, dass ein Schaden sicher eintritt. Es bedeutet nur, dass die Wahrscheinlichkeit für bestimmte Erkrankungen oder Ereignisse steigt.

Hier eine „nüchterne“ (!), gesamtheitliche Einordnung.

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Fast alles im Leben ist mit Risiken verbunden

Wer versuchen würde, allen Risiken aus dem Weg zu gehen, würde wahrscheinlich ein recht freudloses Leben führen. Sogar sich zu hause einzuschließen, würde nicht alle Gefahren bannen. Im Gegenteil: Die meisten Unfälle passieren im Haushalt. Trotzdem würde niemand argumentieren, dass man möglichst wenig Zeit zuhause verbringen sollte. Raus zu gehen ist aber v.a. in Städten unter Risikoaspekten sowieso keine gute Idee. Dort herrscht nämlich Lärm und der ist ähnlich gesundheitsschädlich wie Alkohol. Nur ohne Genusskomponente.

Was würdest du sagen, wenn eine breite Debatte jeden Happen Schokolade, Eiscreme, Butterbreze oder Croissant als giftig bezeichnen würde. Oder Pommes, Pizza, Hamburger und Fruchtjoghurt?

Wahrscheinlich würdest du sagen: „Es kommt auf die Dosis an!“ Ganz genau. So ist es.

Entscheidend sind die Mengen, die Häufigkeit, die Muster und der Kontext. Diese Logik ist auch in der Diskussion um Alkohol angebracht.

Der Satz „Die Dosis macht das Gift“ ist kein Stammtischspruch, sondern ein Grundprinzip der Toxikologie. Entscheidend ist nicht nur, ob eine Substanz Risiken erhöhen kann, sondern wie stark, ab welcher Dosis, in welchem Muster und bei wem. Auch die WHO-Kommunikation stützt letztlich dieses Denken: Sie sagt nicht, ein Glas Wein sei gleichzusetzen mit schwerem Alkoholmissbrauch, sondern dass sich kein Null-Risiko oder gar ein Vorteil belegen lässt.

Eine einfache Modellrechnung

Um diese Unterschiede verständlicher zu machen, hilft die folgende einfache, aber mathematisch präzise Modellrechnung.

Ein 55-jähriger Mann, der ein Jahr lang wöchentlich zwei kleine Gläser Wein (à 125 ml) trinkt, steigert dadurch sein Sterberisiko statistisch betrachtet ungefähr gleich stark, wie mit einer zusätzlichen 500-Kilometer-Autobahnfahrt. Das ist nicht nichts. Aber es ist eben auch etwas anderes als die Vorstellung, schon minimale Mengen Alkohol lägen sofort in einer dramatischen Risikozone.

Die Aussage daraus lautet nicht: Wein sei harmlos. Die Aussage ist: Risiken sind mit Wahrscheinlichkeiten behaftet. Anstatt mit moralisch aufgeladenen Schwarz-Weiß-Botschaften zu argumentieren, sollte man die Risiken in Relation zu anderen Tätigkeiten setzen.

Hochprozentiges ist riskanter

Leider wird auch oft nicht sauber differenziert. Zwei kleine Gläser Wein pro Woche sind sehr viel weniger riskant als regelmäßiger Konsum von Hochprozentigem oder ein Vollrausch pro Quartal. Wer alles unter dem Oberbegriff „Alkohol“ kommunikativ zusammenzieht, verwischt entscheidende Unterschiede in Menge, Rhythmus und akuter Belastung.

Das bedeutet nicht, dass Wein biologisch eine magische Sonderrolle hätte. Das enthaltene Ethanol bleibt Ethanol. Aber in der realen Lebenspraxis ist es ein erheblicher Unterschied, ob jemand selten kleine Mengen Wein zum Essen trinkt oder allabendlich drei Bier kippt oder sich einmal im Jahr ins Koma säuft.

Die Risiko-Überlegungen gelten übrigens insbesondere auch für Schwangere. Hier ist erwiesen, dass selbst geringe Mengen Alkohol zu (lebenslangen) Folgeschäden bei Babys führen können. Zwar unterliegen die Gefahren auch hier Wahrscheinlichkeiten. Weil die möglichen Folgen gravierend sein können, wäre alles andere als ein Alkoholverzicht während der Schwangerschaft fahrlässig. Solidarischer Verzicht des Partners macht es einer werden Mutter übrigens leichter, zu verzichten.

Lebenserwartung in Frankreich und Italien höher

So gar nicht zu vielen Aussagen mag passen, dass die Lebenserwartung in Frankreich und Italien höher ist als in Deutschland, obwohl dort viel mehr Wein getrunken wird.

Die Lebenserwartung liegt in Deutschland derzeit bei 81,5 Jahren, in Frankreich bei 83,1 Jahren und in Italien sogar bei 83,9 Jahren. Gleichzeitig liegt der Weinkonsum pro Kopf deutlich höher: in Deutschland bei 17,3 Litern pro Jahr, in Frankreich bei 42,8 Litern und in Italien bei 39,2 Litern. Franzosen und Italiener trinken im Schnitt also pro Person mehr als doppelt so viel Wein wie Deutsche. (In Deutschland wird aber mehr Schnaps getrunken, wie auch z.B. in Polen oder in den baltischen Ländern.)

Das beweist selbstverständlich nicht, dass Wein gesund macht. Aber es zeigt sehr klar, dass man Gesundheit und Langlebigkeit nicht monokausal an einer einzigen Variablen festmachen kann. Ernährung insgesamt, Bewegungsverhalten, Esskultur, soziale Einbindung, Gesundheitssysteme und allgemeiner Lebensstil spielen offenkundig ebenfalls eine Rolle. Wer nur auf Alkohol schaut, ignoriert die Komplexität realer Lebenstile.

Und was ist mit der Lebensfreude?

Auffällig ist auch, was in vielen Warnbotschaften gar nicht vorkommt: die psychische und soziale Dimension. Wenn über Alkohol gesprochen wird, geht es fast nur um Organe, Biomarker, Krebs- oder Herz-Kreislauf-Risiken. Fast nie geht es um soziale Ko-Regulation, um Entspannung, um Rituale, um gemeinsame Mahlzeiten, um Verlangsamung oder um Genuss.

Auf welche Einladung reagierst du erfreuter? „Kommst du heute Abend auf ein Glas Wein vorbei?“ oder „Wollen wir uns heute Abend auf ein Glas Wasser treffen?“

Natürlich folgt daraus nicht, dass Alkohol gesund wäre. Aber es zeigt, dass menschliche Gesundheit mehr ist als die Summe biomedizinischer Einzelrisiken. Ein Glas Wein beim Essen, ein Gespräch mit Freunden, ein Moment der Unterbrechung nach einem langen Tag: Das sind reale soziale und psychische Kontexte. Und sie können für das subjektive Wohlbefinden bedeutsam sein.

Gerade in einer Zeit, in der mentale Gesundheit, Einsamkeit und chronischer Stress zu Recht immer stärker diskutiert werden, wirkt es erstaunlich verkürzt, wenn Genuss fast nur noch als moralisches Problem und kaum noch als essentieller Bestandteil von Lebensqualität betrachtet wird.

Dolce Vita oder preussische Strenge?

Der Vergleich mit Italien und Frankreich zeigt, dass es neben der auf negative Effekte beschränkten Betrachtung auch eine auf Genuss und Lebensfreude fokussierte Weltsicht gibt.

Man sollte nicht jede Form von Genuss rhetorisch in die Nähe eines Fehlverhaltens rücken. Genuss ist ein Teil menschlichen Lebens, und Lebensfreude hängt eng mit Lebensqualität zusammen. Das gilt nicht nur für Wein, sondern allgemein für gutes Essen, Feiern, Reisen, Gemeinschaft und viele andere Dinge, die nie völlig risikofrei sind.

Natürlich darf jeder gerne komplett auf Alkohol verzichten!

Mir liegt fern, den Genuss von Wein schönzureden. Aber mir liegt am Herzen, eine objektiv angemessene Sicht darauf zu schaffen.

Wieviel Wein wir trinken

Im vollen Bewusstein aller Risiken trinken wir gerne Wein! Die folgenden Gedanken leiten uns dabei:

  • Kein Alkohol an Tagen mit Sport! (Das schränkt bereits ziemlich ein).
  • Maximal eine halbe Flasche Wein pro Person an einem Tag. (Meist reicht zu zweit eine Flasche für mindestens 2-3 Tage.)
  • Lieber seltener Wein trinken, dann aber besseren.

Der operative Game-Changer ist der folgende Trick:

  • Aus einer nicht leeren Weinflasche mit einem Vakuum-Verschluss die Luft abpumpen! So kann man Wein ohne nennenswerten Qualitätsverlust tagelang im Kühlschrank aufbewahren und später genießen.
  • Was dann trotzdem nicht getrunken wird (das kommt vor), wird verkocht.

Hochprozentiges trinken wir nie. Bier trinken wir nur alkoholfrei. Ein Aperol-Spritz enthält ungefähr ein Drittel weniger Alkohol als die gleiche Menge Wein.

Vielleicht sollte die Diskussion deshalb weniger mit der Frage beginnen, wie man jedes verbleibende Restrisiko aus dem Leben herausrechnet, sondern eher damit, wie Menschen vernünftig, maßvoll und informiert mit Risiken umgehen.

Und vielleicht darf man am Ende auch die kulturelle Frage stellen: Ist es typisch deutsch, strenge Regeln über Genuss zu stellen?

 

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